Tagliatelle mit zweierlei Lachs.
Das hört sich sooo einfach an… aber…!
Ich weiß nicht, ob Ihr euch jetzt fragt, was man dabei falsch machen kann. Es ist ja ein einfaches Gericht.
Tja! Was kann da schon schief gehen? Ja, was wohl?
Begeben wir uns in den Feinkostladen. Monsieur Gayet, der nette, hilfsbereite maître boucher, war froh, dass ich diesmal kein Fleisch verkokeln werde.
Seine Leibesfülle zeigt, dass er gerne isst. Dass er auch gerne kocht, hat er mir bereits erzählt. Er wäre gerne Koch geworden, aber er entstammt einer Metzgerfamilie und musste die Tradition fortsetzen. Jetzt ist er ein begeisterter Hobbykoch.
Ich kann das nicht nachvollziehen. Freiwillig kochen? Käme mir nie in den Sinn!
Der poissonnier (Fischhändler)war nicht begeistert, dass er mir ein Stück seines schönsten saumons einpacken musste.
Auch den geräucherten Lachs überreichte er mir mit einem verbissenen Lächeln.
„Malträtieren Sie um Himmels willen diesen wundervollen Fisch nicht. Bei geringer Hitze nur gaaanz kurz braten. Wenn Eiweiß austritt, ist es zu spät“, sagte er etwas knurrig. „Zu starke Hitze tötet jeden Fisch ein zweites Mal.“
Okay! Ich habe bereits ein schlechtes Gewissen. Auf diese Lektion hätte ich gerne verzichtet. Ich töte jedes Tier ein zweites Mal.
Wie viele Events sind es noch? Wie viele Tiere müssen noch ihr Leben lassen?
Okay! Ich weiß, wenn ich das Fleisch nicht kaufen würde, täte es ein anderer. Meine Gäste würden auch essen, wenn sie nicht bei mir eingeladen wären.
Ja! Ich kann fast Eure Gedanken lesen. Ich weiß selbst, sie hätten alle einen geringeren Verbrauch. Ich bemühe mich doch. Aber ich kann es nicht besser.
Es tut gut, zu wissen, dass für mich kein Tier sterben muss. Aber es ist belastend, Fleisch zu verarbeiten.
Wechseln wir jetzt besser das Thema, bevor mein schlechtes Gewissen siegt.
Ich kaufte noch frische Tagliatelle und fuhr nach Hause.
Die Vorbereitungen gehen mir inzwischen schnell von der Hand. Wenigstens etwas, das nicht schief geht.
Diesmal hielten sich die Vorbereitungen fürs kochen in Grenzen. Cocktailtomaten halbieren, das Grün der Frühlingszwiebeln in dünne Röllchen, saumon fumé in Streifen und den saumon frais in mundgerechte Würfel schneiden.
Wow! So schnell war ich noch nie mit den Vorbereitungen fertig. Vielleicht würde das Essen diesmal pünktlich serviert werden.
Ich nahm an, dass ich die Sache schnell über die Bühne bringen würde und nahm mir die Zeit, einen Cappuccino zu trinken und die Zeitung zu lesen. Eine halbe Stunde müsste ausreichen, um aus Lachs und Pasta ein Gericht zu machen.
Tja! Wieder mal falsch gedacht. Dieser miese, kleine saumon machte mir einen Strich durch meine Planung. Aber zuerst genoss ich meine Pause. Allein der Gedanke, mal nicht stundenlang in der Küche zu stehen, erfreute mich. Ich genoss meine Pause. Dass mein Bauchgefühl mich lieber in der Küche gesehen hätte, ignorierte ich völlig. Böser Fehler!
Nach meiner Pause erhitzte ich Wasser. Pasta will schwimmen. Wenn ich mit dem saumon fertig war, wollte ich das Wasser bereit haben. Dann müsste ich mit der Zeit hinkommen. Die Pasta würde gelingen.
Ich war mir so sicher, dass sie mich nicht im Stich lassen würde. Al dente! Wie immer!
Als ich das Fett erhitzte, hatte ich das Gefühl, der gewürfelte saumon würde ein Wellnessbad bevorzugen. Hätte ich doch nur auf mein Gefühl gehört.
Ich gab die Lachswürfel in die Pfanne. Das Fett spritzte und der Lachs fühlte sich sichtlich unwohl. Er sonderte weiße Perlchen ab. Eiweiß?
Ich hätte gerne Monsieur Internet um Rat gefragt, aber dazu blieb mir keine Zeit. Der weise, alte Mann war sicherlich noch von meiner gestrigen Googelei erschöpft.
Selbst dran schuld. Er hatte mir eine Riesenauswahl an Rezepten für Tagliatelles fraîches au saumon präsentiert. Dass ich da die eine oder andere Frage habe, hätte er sich doch denken können. Wir kennen uns doch bereits seit sechzehn Wochen.
Dass er da noch keinen Bocuse aus mir gemacht hat, ist doch wohl klar.
Abgeschweift! Zurück zur Pfanne. Der saumon war übersät mit weißen Perlchen. Das sah nicht gut aus und ich hätte es ihm vielleicht noch verziehen. Aber dann überbräunten die Unterseiten der Würfelchen. Das war zu viel. Angekokelt und pickelig! Das geht nicht!
Die nächste Pfanne wartete schon. Mein Wasser für die Pasta kochte vor sich hin. Es wartete sehnsüchtig auf die Tagliatelles. Aber zuerst musste der saumon angebraten werden. Ich will meine Pasta al dente!
Neue Pfanne, neuer saumon. Merkte dieser Fisch, denn nicht, dass er mit geringer Hitze angebraten wurde? Non! Er bemerkte es nicht und schickte wieder sein Eiweiß an die frische Luft.
Ich wusste nicht, ob der Fisch wirklich ungenießbar wird, wenn er sein Eiweiß verliert. Jetzt kam es auf ein paar Minuten nicht mehr an.
Ich zog Monsieur Internet zu Rate. Der alte Mann griff sich an den Kopf und stöhnte. Er schickte mir eine große Auswahl an Antworten, mit denen ich allerdings nichts anfangen konnte.
Okay! Vielleicht konnte er mit „Eiweißperlchen auf Fisch“ nichts anfangen. Vielleicht hätte ich meine Frage etwas umformulieren sollen, bevor ich sie stellte.
Er wollte jetzt nicht sagen: „Oh, bist Du dämlich.“ Er schickte mir stattdessen: „Lassen Sie sich Ihre Füße von Fischen schön knabbern.“
Wow! Was Saugbarben so alles können. Warum mein saumon Eiweißperlchen hatte, wussten auch sie nicht.
Ich hätte mich gerne noch weiter mit Monsieur Internet unterhalten, aber es läutete an der Tür.
Oooh! Diese deutsche Pünktlichkeit. Mein, hier nicht mit Namen genannter, Gast war eingetroffen.
Sie war sehr erstaunt, dass kein Brandgeruch in der Luft lag. Dafür roch es ganz schwach nach Vanille. Diesem Geruchfresser aus der Dose sei Dank! Mit Hilfe des Dunstabzugs hatte er es geschafft, die Luft in der Küche zu entkokeln.
Okay! Ich führte die Dame in den Salon und überließ sie Baron de Rothschild.
Ich ging zurück in meine Küche. Dort warteten noch viele, mundgerechte Saumonwürfel auf ihren Einsatz.
Ich füllte das Wasser im Topf nach, gab Salz hinzu und erhöhte die Temperatur. Die Tagliatelles durften bald in den Topf.
Von Monsieur Internet enttäuscht, gewährte ich meinem saumon ein Wellnessbad. Aber auch er enttäuschte mich. Er überbräunte zwar nicht, aber auch er entledigte sich seines Eiweißes.
Jetzt war guter Rat teuer. Mein letzter saumon. Ich nahm den saumon aus der Pfanne und schabte die Eiweißperlchen, so gut es ging, ab.
Ich gab die Pasta ins Wasser und die restlichen Zutaten ins Wellnessbad.
Dem saumon fumé gefiel es gut und er schwamm friedlich im Bad aus Crème fraîche und allem, was von dem saumon frais in der Pfanne geblieben war. Er verlor weder Eiweiß noch wechselte er seine Farbe. Sogar die Lauchzwiebelröllchen behielten ihre Farbe.
Die halbierten Tomaten hielten ihre straffe Haut und verschrumpelten nicht.
Der Timer piepte und ich goss das Wasser der Pasta ab. Einen Teil der Tagliatelles gab ich in das Wellnessbad. Es war eine wunderschöne Vereinigung.
Ich gab alles auf einen Teller und legte ein paar Saumonwürfel hinzu. Sie sahen ohne ihre Eiweißperlchen fast gut aus.
Ich bat meinen Gast zu Tisch und machte noch schnell das obligatorische Foto. Irgendetwas störte mich an dem Bild.
Oh! Ich hatte die Dilldeko vergessen. Dabei hatte ich einen riesigen Topf Dill gekauft. Der stand noch auf der Terrasse.
Mit einer Schere bewaffnet, ging ich zur Terrasse und schnitt ein paar der Stängel ab. Ich zerkleinerte sie mit der Schere und dekorierte damit die Tagliatelles.
Jetzt sah das Ganze wirklich toll aus. Ohne die Lachszugabe hätte ich davon gegessen. Aber, ehrlich gesagt, war ich froh, dass es diese Lachszugabe gab. Ich bin einfach noch nicht soweit, mein Selbstgekochtes zu probieren oder gar zu essen.
Pardon!
Mein Gast war überrascht. Mal abgesehen davon, dass ich mal wieder sämtliche Gewürze vergessen hatte und die Saumonwürfel zu hart waren, hatte sie nichts zu mäkeln.
Meine Tagliatelles waren al dente. Ich war so stolz auf mich. Wenigstens etwas, das nicht schief ging.
Tagliatelles! Zum ersten Mal hatte ich etwas gekocht, das genauso war, wie es sein sollte.
Mit nur 46 Minuten Verspätung habe ich einen neuen Rekord aufgestellt.
So nahm der Event doch noch ein gutes Ende.
Jetzt sind es noch 36 Events. Nach dem heutigen Tag, sehe ich den nächsten Events keinen Deut gelassener entgegen, als vorher.
Ich habe mal wieder erfahren müssen, dass alles, was sich einfach anhört, ganz schön fies sein kann.
Okay! Kommen wir für heute zum Ende. Ich bediene mich jetzt mal der Worte meiner Freundin Liane: „Es kann nur noch schlimmer werden!“
Ich mag nicht daran denken, wie schlimm es für mich noch kommen kann.
Aber wir werden sehen.